
Aquarell mal anders
Wenn du die grundlegenden Aquarelltechniken verstanden hast, darfst du anfangen, damit Unfug zu treiben.
Zumindest ist das meine bevorzugte Vorgehensweise.
Aquarell kann nämlich viel mehr als gleichmäßige Verläufe und transparente Farbschichten. Mit unterschiedlichen Materialien und Arbeitsweisen lassen sich Strukturen erzeugen, Farben verändern und Flächen bewusst weniger kontrolliert gestalten.
In meinem Video „Pimp your Watercolor“ zeige ich einige Möglichkeiten, wie du mehr Abwechslung in deine Aquarellbilder bringen kannst.

Erst die Grundlagen, dann das Chaos
Bevor du dich auf Spezialeffekte stürzt, solltest du zumindest ungefähr wissen, wie Wasser und Farbe auf deinem Papier reagieren.
Du musst kein Aquarellprofi sein.
Aber Nass-in-Nass, Lasieren und der Umgang mit unterschiedlichen Wassermengen sollten dir nicht mehr völlig fremd sein.
Wenn du damit noch anfangen möchtest, lies zuerst meinen Beitrag:
6 Grundtechniken der Aquarellmalerei einfach erklärt
Danach darf experimentiert werden.
Strukturen statt glatter Flächen
Nicht jede Fläche muss perfekt gleichmäßig sein.
Gerade interessante Oberflächen entstehen häufig dadurch, dass Wasser, Pigmente und Papier ein bisschen miteinander machen dürfen, was sie wollen.
Unregelmäßige Verläufe können beispielsweise hervorragend funktionieren für:
- Hintergründe
- Kleidung
- Haare und Fell
- abstrakte Bereiche
- organische Strukturen
Bei meinen eigenen Arbeiten lasse ich solche Effekte gern sichtbar, statt jede Fläche komplett glattzuarbeiten.
Das Bild darf schließlich ruhig zeigen, dass es mit Farbe entstanden ist.
Spritzen und Klecksen
Eine sehr einfache Möglichkeit, ein Aquarell lebendiger zu machen, sind Farbspritzer.
Du kannst Farbe mit einem Pinsel aufnehmen und über dem Papier abspritzen oder vorsichtig vom Pinsel klopfen.
Je nachdem, wie viel Wasser enthalten ist und wie weit du vom Papier entfernt bist, entstehen unterschiedliche Tropfengrößen.
Das funktioniert besonders gut:
- in lockeren Porträts
- bei Mixed-Media-Arbeiten
- in Hintergründen
- als verbindendes Element zwischen verschiedenen Bildbereichen
Mein Rat: Alles abdecken, was keine Farbe bekommen soll.
Das schließt je nach persönlicher Arbeitsweise eventuell auch Tisch, Kleidung, Katze und die andere Hälfte des Zimmers ein.
Farbe laufen lassen
Aquarell möchte fließen.
Du kannst dagegen kämpfen oder diesen Umstand gelegentlich ausnutzen.
Wenn du das Papier neigst, verändert sich die Richtung, in die Wasser und Pigmente laufen.
Dadurch können interessante Linien, Übergänge und Spuren entstehen, die sich mit einem Pinsel deutlich schwerer künstlich herstellen lassen.
Gerade bei freien oder illustrativen Arbeiten mag ich diesen kontrollierten Kontrollverlust ziemlich gern.
Wasser als Gestaltungsmittel
Mit sauberem Wasser kannst du vorhandene Farbe verdrängen, aufbrechen oder verdünnen.
Ein Tropfen Wasser in einer noch feuchten Farbfläche erzeugt beispielsweise eine ganz andere Struktur als ein gleichmäßig gesetzter Pinselstrich.
Solche Effekte werden im klassischen Aquarell manchmal als Fehler betrachtet.
Müssen sie aber nicht sein.
Wenn sie bewusst eingesetzt werden, können genau diese Strukturen einem Bild Leben geben.
Farbe abnehmen
Mit einem sauberen Pinsel, einem Tuch oder je nach Situation auch anderem saugfähigem Material kannst du Pigment aus noch feuchten Flächen herausnehmen.
Damit entstehen:
- hellere Stellen
- Highlights
- unterbrochene Farbflächen
- interessante Strukturen
Das ist nicht nur eine Korrekturtechnik.
Du kannst sie ganz bewusst als gestalterisches Mittel einsetzen.
Unterschiedliche Werkzeuge ausprobieren
Niemand hat beschlossen, dass Aquarellfarbe ausschließlich mit einem klassischen Rundpinsel aufgetragen werden darf.
Du kannst auch unterschiedliche Pinsel, Schwämme oder andere geeignete Werkzeuge ausprobieren.
Schon ein Wechsel der Pinselart verändert die Oberfläche enorm.
Ein breiter Flachpinsel hinterlässt andere Spuren als ein feiner Rundpinsel. Ein fast trockener Borstenpinsel verhält sich wiederum völlig anders.
Das Ziel ist nicht, möglichst viele Werkzeuge gleichzeitig zu benutzen.
Es geht darum herauszufinden, welche Spur zu deinem Bild passt.
Mixed Media: Wenn Aquarell Gesellschaft bekommt
Besonders gern kombiniere ich Aquarell mit anderen Zeichenmaterialien.
Bei meinen illustrativen Mixed-Media-Porträts kommen beispielsweise sichtbare Linien und zusätzliche zeichnerische Elemente zum Einsatz.
Dadurch verändert sich die Wirkung komplett.
Das Aquarell liefert Farbe und spontane Strukturen, während die Zeichnung Formen betonen oder bewusst gegen die lockeren Farbflächen arbeiten kann.
So entstehen Arbeiten, die irgendwo zwischen klassischem Porträt, Skizze und Illustration liegen.
Muss man Aquarell „richtig“ benutzen?
Es gibt technische Grundlagen, die sinnvoll sind.
Wenn du weißt, warum sich eine Farbe auf nassem Papier anders verhält als auf trockenem, kannst du viel gezielter arbeiten.
Aber danach?
Probier Dinge aus.
Wenn eine vermeintlich falsche Technik genau den Effekt erzeugt, den du haben möchtest, hat sie ihren Job ziemlich gut gemacht.
Nicht jede Blüte muss verhindert werden.
Nicht jede Kante muss kontrolliert sein.
Und nicht jedes Aquarell muss aussehen, als hätte es dieselbe Person mit derselben Technik gemalt.
Experimentieren mit kleinen Formaten
Wenn du neue Techniken ausprobierst, musst du nicht gleich ein riesiges Werk anfangen.
Kleine Blätter sind hervorragend dafür geeignet, Kombinationen zu testen:
- Wie reagieren zwei Pigmente miteinander?
- Wie viel Wasser brauche ich?
- Welche Linien funktionieren über einer Aquarellfläche?
- Welche Struktur gefällt mir überhaupt?
Solche kleinen Experimente landen bei mir später durchaus in größeren Arbeiten.
Manchmal ist eine zufällige Testfläche interessanter als die Idee, mit der man ursprünglich angefangen hat.
Vom Experiment zum eigenen Stil
Techniken allein machen noch keinen eigenen Stil.
Aber sie erweitern dein Vokabular.
Je mehr Möglichkeiten du kennst, desto weniger musst du versuchen, ein Bild auf eine einzige Art zu lösen.
Irgendwann merkst du automatisch, welche Techniken du immer wieder benutzt, welche Farben dich interessieren und welche Spuren du gern sichtbar lässt.
Und genau daraus entwickelt sich mit der Zeit etwas Eigenes.
Lust, selbst mit Farbe zu experimentieren?
In meinen Kunstkursen geht es nicht darum, Bilder möglichst exakt nach einem festen Muster zu kopieren.
Ich möchte dir zeigen, wie Techniken funktionieren, damit du anschließend selbst entscheiden kannst, was du damit machst.
Meine aktuellen Onlinekurse bei Artistravel und Präsenztermine findest du auf meiner Seite Termine & Kurse.
Oder du schaust einfach weiter auf meinem YouTube-Kanal vorbei.
